Man muss kein Held, Supersportler oder Filmstar sein, um eine gesicherte Präsenz in den Medien zu bekommen. Es reicht auch aus, wenn man vorgibt, die Lösung eines Problems zu haben, von dem viele Menschen betroffen sind. Sogenannte Wundermittel erfreuen sich nicht erst seit dem Antidepressivum Prozac oder der Potenzpille Viagra großer Bekanntheit.
Der neue Star am Pharma-Himmel hört auf den Namen
Botox und findet Anwendung im kosmetischen Bereich, genauer in der
Bekämpfung von Falten. Denn diese, so sind sich alle einig, sind nicht in
erster Linie ein Zeichen von Weisheit und Lebenserfahrung, sondern vielmehr
unerwünschte und unschöne Alterserscheinungen. Wer träumt nicht
von der ewigen Jugend und was spricht gegen den Pieks, der die Falten
wegzaubert?
Botulinum-Toxin-Typ-A oder kurz BTX-A wirkt am Übergang von den Nerven zum Muskel, an der sogenannten motorischen Endplatte. Eine dort eintreffende elektrische Spannung setzt normalerweise einen Botenstoff (im Fachjargon Transmitter genannt) namens Acetylcholin (ACh) frei. Das ACh diffundiert durch den sogenannten synaptischen Spalt vom Nerven hin zum Muskel. Dort angekommen, verändert der Botenstoff die Durchlässigkeit der Membran, was letztlich die Kontraktion, also das Zusammenziehen der Muskelzelle, bewirkt.
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| Abbildung: Reizübertragung mittels Acetylcholin
(ACh) an der motorischen Enplatte. |
BTX-A vermag die Ausschüttung des ACh an den Enden des Nerves zu verhindern. Somit erhält der betreffende Muskel nicht das Signal, dass er sich zusammenziehen muss, und es kommt zu Lähmungserscheinungen. Einen ähnlichen Wirkmechanismus kann man beim südamerikanischen Pfeilgift Curare beobachten, welches von Indianern auf der Jagd benutzt worden war. Bei einer Lähmung durch Curare kommt es zwar noch zu einer ACh-Ausschüttung, doch setzt sich das Gift an den Rezeptoren ab und blockiert diese, was letztlich auch in einer Lähmung resultiert. Befindet sich ein solches Nervengift im Blut, macht es auch vor der Atemmuskulatur nicht halt. Das Gift Botulinum-Toxin-Typ-A wird interessanterweise auch in bestimmten biologischen Waffen (B-Waffen) verwendet und wirkt auch schon in kleinsten Mengen tödlich.
Gifte werden therapeutisch eingesetzt„Die Dosis macht das Gift“ – dieses Zitat von Paracelsus trifft auch heute noch zu. So wurden erst durch die Entdeckung von Curare größere operative Eingriffe in Narkose ermöglicht. Heute werden Narkotika aus Curare synthetisch hergestellt, aber der Wirkmechanismus ist im Großen und Ganzen der gleiche. Übrigens ist dies auch der Grund, warum Patienten während einer Vollnarkose künstlich beatmet werden müssen.
Kontrolliert eingesetzt lindert auch Botox zahlreiche Beschwerden und das schon seit über 20 Jahren. In kleinsten Konzentrationen hilft es vorwiegend Schlaganfallpatienten mit spastischen Lähmungen. Aber auch in der Augenheilkunde, bei Hyperhidrose (übermäßigem Schwitzen), multipler Sklerose und sogar bei Analbeschwerden kann Botox Linderung verschaffen. Neu ist die Tatsache, dass Botox nicht nur auf eine ausgesprochene medizinische Indikation hin, sondern auch aus einer „kosmetischen Notwendigkeit“ heraus zum Einsatz kommt. Studien belegen sehr eindeutig, dass sich Falten wirkungsvoll bekämpfen lassen (z.B. Flynn/Carruthers 2001). Dabei wird die Substanz in sehr starker Verdünnung gezielt unter die Haut injiziert. So verschwinden kleinere Falten. Im Bereich der Stirn funktioniert dies sehr gut, um den Mund ist es etwas schwieriger. Bei partieller Überdosierung ist es nicht ausgeschlossen, dass die Symmetrie des Gesichtes vorübergehend etwas verloren geht oder ein Augenlid eine zeitlang herunterhängt. Da die Faltenbekämpfung durch kleine Lähmungen bewirkt wird, kann es sein, dass das Gesicht insgesamt etwas maskenhaft wird. Auch Sehstörungen und Schluckbeschwerden können auftreten, aber wer schön sein will, muss leiden.
In den Vereinigten Staaten ist Botox bereits zugelassenDie amerikanische Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat den kosmetischen Einsatz kürzlich zugelassen. Da die Zielgruppe im kosmetischen Bereich um ein Vielfaches größer ist, als im medizinischen, birgt diese Zulassung ein enormes wirtschaftliches Potential in sich. Botox ist bereits auf dem besten Wege eines der bekanntesten Mittel nach Viagra zu werden.
Weg mit der Creme und her mir der
Spritze lautet das Motto der fast ausschließlich weiblichen
Botox-Konsumentinnen. Die so genannten „Botox Babes“ sorgen
für Nachfrage und sind durchaus gewillt, die fälligen 300 bis 500
EUR für eine Ampulle zu berappen. Die Wirkung setzt nach wenigen Tagen
ein, hält einige Monate an und muss dann wiederholt werden. So scheint ein
permanenter revenue flow für die behandelnden Ärzte und nicht
zuletzt für die Pharma-Industrie, allen voran das Unternehmen
Allergan, gesichert.
Jenes Unternehmen verdient auch in Deutschland ganz gut am Faltenkiller aus der Spritze, wenn auch das Produkt aufgrund fehlender Zulassung noch nicht offiziell beworben werden darf. Denn wie fast jeder Trend, so kommt auch Botox über den großen Teich zu uns. Wie das Magazin PETRA berichtet veranstaltet ein Hamburger Arzt, der namentlich nicht genannt werden wollte, Botox-Parties , bei denen er faltengeplagten Damen in geselliger Atmosphäre Botox unter die Haut spritzt. Die Gewinnmargen dabei sind enorm, wenn man den minimalen Zeitaufwand für eine Behandlung berücksichtigt. Weiter heißt es, dass Newcomern der erste „Probeschuss“ nicht selten kostenlos verabreicht wird, um langfristig Kundinnen zu binden. Solche Methoden sind eigentlich aus Drogengeschäften bekannt. Nicht zuletzt deshalb nennt man die Botox-Konsumentinnen auch Botox-Junkies.
Jugend für die einen – Cash-Kuh für die anderen
Fiese Abzocke oder Erfüllung
eines ewigen Traumes? Wie so oft, gibt es auch in der Diskussion um Botox zwei
Lager. Natürlich wird mit Botox viel Geld verdient werden, aber wenn
Ärzte ihre Kunden über etwaige Risiken und Nebenwirkungen
aufklären, ist es ihr gutes Recht, solche Behandlungen anzubieten. Wer
Botox ablehnt, muss die gesamte Schönheitschirurgie in Frage stellen, denn
auch eine Brustvergrößerung oder Fettabsaugung ist mit ca. 4000 bis
5000 Euro nicht gerade billig und kann zu Komplikationen führen. Es bleibt
also jedem selbst überlassen, ob er oder sie seine Falten akzeptiert oder
sie mit allen Mitteln zu bekämpfen versucht. Zum jetzigen Zeitpunkt sind
die Langzeitschäden durch langfristige und kontinuierliche
Botox-Behandlung mimischer Falten noch nicht hinreichend erforscht. Aber wer
will schon warten? Man wird schließlich nicht jünger.
Autor: Thomas Markmann


