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Radfahren in London

Wie die Tour de France auch die Briten für den rasanten Sport begeistert


Ob man vielleicht mal bitte ganz kurz durch dürfte, fragt die Dame hinter mir, sie müsse mal kurz vorne ihrem Mann etwas sagen. Die Engländer sind höflich und Vordrängeln käme für keinen Londoner in Frage, selbst dann nicht, wenn man vorher zwei Stunden lang direkt am Absperrgitter gestanden hatte und nur kurz ein Wasser gekauft hat. Die Begeisterung für den rasanten Sport auf zwei Rädern hat am Wochenende auch die Einwohner der 7,5-Millionen-Stadt erfasst, wo die ersten beiden Etappen der „Tour de France“ stattfanden. Aber deshalb auf britische Zurückhaltung zu verzichten, fiele den Londonern, die sich mit leuchtend gelben Tour-de-France-Kappen und – in auffällig großer Zahl – mit magentafarbenen Winkelementen ausgestattet haben, trotzdem nie ein.

In der Nachbarschaft werden gerade die altehrwürdigen Wimbledon Championships ausgetragen, und wer sich vor den Toren der grünen Tennisplätze für eine Karte anstellt, bekommt sogar einen „Guide to Queueing“ in die Hand gedrückt. Eine Gebrauchsanweisung zum richtigen Schlangestehen, nachdem sich jedes Überholen oder Drängeln für einen anständigen Gast verbittet – kein Witz! Und auch an der Prachtstraße vor dem Buckingham Palace, an dem die Radfahrer in beiden Richtungen vorbeidüsen, bleiben die bunt kostümierten Zaungäste kühl. Jeder Fahrer, egal aus welcher Nation, wird mit einem kurzen Applaus bedacht – wirklich nur für die wenigen Sekunden, in denen die Athleten vorbeidüsen. Auf der leicht bergauf gehenden Strecke fünf Sekunden, auf der leicht abschüssigen auf der anderen Straßenseite nur drei. Die Engländer sind berühmt für ihren kurzen Applaus, auch im Theater wird hier nur kurz Beifall gezollt – nicht zu vergleichen mit den üblichen Jubelarien in Deutschland.

Warum sie heute nicht eher Wimbledon ansehe, frage ich eine alte Dame mit Sonnenhut, die sich unter den britischen Flaggen gegenüber vom Buckingham Palace ein schattiges Plätzchen gesucht hat. „Well“ sagt sie und lächelt, „man muss eben mit der Zeit gehen und auch mal etwas anderes ansehen.“ Und außerdem sei Tim Henman, der britische Topspieler, ja ohnehin nicht mehr dabei. Ob sie denn die Fahrer alle kenne? Nein, aber sie habe sich das wesentliche in der Tagespresse angelesen, wer Favorit sei und warum es beim Radfahren so sehr auf Taktik ankomme. Doch dann entschuldigt sie sich, schließlich kämen jetzt der nächste Fahrer, da müsse sie natürlich hinsehen.

Die Tour de France, von Dopingenthüllungen erschüttert, ist hier vor allem eins: ein zwangloses Familienereignis. Nein, sie habe keine Ahnung, wie der Rest der Tour funktioniere, sagt eine junge Mutter mit Kinderwagen, der die Zuschauer hier selbstverständlich eine kleine Lücke ganz vorne am Zaun im Hyde Park freilassen. Wie viele Etappen es gibt und wie viele Kilometer die gerade startenden Fahrer noch vor sich haben, das sind für sie böhmische Dörfer. Sie sei einfach spontan hergekommen, nachdem das Wetter endlich besser geworden sei – nach knapp zwei Wochen mit ständigen Regenschauern. Während im benachbarten Stadtteil Wimbledon in den vergangenen zwei Wochen immer wieder Regen für nervenaufreibende Unterbrechungen gesorgt hatte, zeigt sich das Inselwetter am Tour de France-Wochenende von seiner schönsten Seite. „Da muss man doch in den Park gehen, ob hier nun irgendein Radrennen stattfindet oder nicht“, sagt die junge Frau mit dem blonden Zopf lachend.

Die ersten beiden Etappen der diesjährigen Höllentour führten über Londoner Boden und der pragmatische Bürgermeister Ken Livingstone nutzte dies gleich zu einem Appell an die Londoner Bürger. Radfahren biete tolle Möglichkeiten, die eigene Gesundheit zu stärken, schrieb er in einem Kommentar an die Einwohner. Und wie gut der Umstieg auf zwei Räder für die eigene Lebensqualität sei. Die Großstädter sollen fitter werden mit der schonenden Sportart, und dabei auch noch den Verkehr in der riesigen Stadt entlasten.

Doch für die Zuschauer ist es in erster Linie ein weiteres Spektakel, das in der Hauptstadt stattfindet. „Hach, die Namen der Favoriten sind mir eigentlich egal“, sagt ein 25-jähriger Londoner, „ich bin nur hier, weil ich keine Lust hatte, in der Wimbledon-Schlange zu stehen." Jetzt aber klatscht der junge Mann mit den langen Haaren umso begeisterter, doch, doch, die Geschwindigkeit der Radfahrer sei in der Tat beeindruckend. Aber trotzdem, mehr als ein Fünf-Sekunden-Applaus ist nicht drin. Man ist hier schließlich britisch.

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