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Die Gretchenfrage der Torfrauen

Zu großes Tor oder zu wenig Sprungkraft?


Shanghai.
Vier Spiele sind bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft gespielt und sagenhafte 21 Tore haben bisher das Auge des Zuschauers erfreut. Fast die Hälfte dieser Treffer hat den Betrachter indes auch zu einem Großteil amüsiert. “Na ja, die Leistung der argentinischen Torhüterin war sicher nicht so klasse”, gab beispielsweise Sandra Smisek zu, die von dem sagenhaft unglücklichen Auftritt der argentinischen Torhüterin Vanina Correa profitierte und beim 11:0-Auftaktsieg der deutschen Fußballfrauen erstmals in ihrer Länderspielkarriere drei Tore in einem Spiel erzielte. Argentiniens Trainer José Carlos Borrello, der sich erst kurz vor der WM für den Einsatz Correas und gegen die langjährige Nummer Eins Romina Ferro entschied, sprach gar von einem “Alptraum für meine Torhüterin”. Doch die Argentinierin, die gegen Deutschland gleich zwei Eckbälle ins eigene Tor lenkte und auch bei einigen weiteren der elf Treffer beteiligt war, ist bei weitem nicht allein im Reigen der Wackelkandidatinnen zwischen den Pfosten.

Lediglich die Japanerin Miho Fukumoto konnte sich bislang durch Paraden auszeichnen, die deutsche “Eins” Nadine Angerer muss wegen Beschäftigungslosigkeit noch bis zum nächsten Spiel warten, um ihr Talent in einem WM-Turnier zu beweisen. Die sonstigen an den ersten zwei WM-Tagen beschäftigten Kolleginnen fielen jedoch ähnlich negativ auf wie Correa. Beim 2:2 im Spiel der USA gegen Nordkorea leisteten sich beide Torfrauen folgenschwere Fehler, am Abend rückte dann die englische Keeperin Rachel Brown in den Mittelpunkt. Sie bekam kaum mehr als zwei Schüsse aufs Tor und konnte dennoch nicht verhindern, dass die Japanerinnen wie die Engländerinnen zwei mal erfolgreich waren. Die japanischen Tore erzielte jeweils Aya Myama, die zwar den Ball dank recht kleiner Füße mit einer bemerkenswerten Schusstechnik per Spann in höchst gefährlicher Flugbahn in Richtung von Brown Gehäuse drosch, aber den Ball dennoch nicht unbedingt exakt in die Ecken platzierte. Brown kam jedoch beide Male nicht mehr an den Ball, so sehr sie ihren 1,73 Meter langen Körper auch streckte.

Die Torflut und die mangelhaften Torwartleistungen im Besonderen setzen bei dieser WM eine alte Diskussion im Frauenfußball wieder in Gang: Ist das 2,44 Meter hohe und 7,32 Meter große Tor, das schon den männlichen Torhütern genug Probleme bereitet für die Frauen noch mal eine Nummer zu groß? “Ich denke schon, dass wir Torhüterinnen einen viel schwierigeren Job erledigen müssen als unsere männlichen Kollegen”, beschreibt die englische Torhüterin Rachel Brown die Angst der Torwartinnen vor dem großen Kasten. “Die Herren der Schöpfung haben nun mal qua geschlechtsspezifischer Unterschiede Vorteile gegenüber uns.”

Tatsächlich sprechen viele Faktoren für den Mann im Tor: Er hat in der Regel ein paar Zentimeter an Größenvorteilen, ist aber vor allem deutlich besser veranlagt in Sachen Sprunkgraft. “Männer haben einfach körperliche Vorteile. Deshalb ist die Frage nach einer Verkleinerung des Tores für die Frauen gar nicht abwegig”, sagt auch Michael Fuchs, der seit diesem Jahr der erste fest angestellte Torwarttrainer der deutschen Frauen ist. “Nur sind unterschiedliche Torhöhen zum einen wohl kaum weltweit umsetzbar, zum anderen haben die Frauen ja auch ihren Stolz.”

Nationaltorhüterin Nadine Angerer beispielsweise fände es diskriminierend, wenn Frauen künftig auf kleinere Tore spielen müssen. “Ich muss schon immer durch genauso große Tore hechten wie Männer und will damit zurecht kommen”, sagt Angerer. Die deutsche Keeperin hat indes gut reden, stammt sie doch aus dem Land der traditionell im Frauenbereich verhältnismäßig gut geschulten Torleute. Die wegen einer langen Verletzungspause bei der WM nur als deutsche Nummer Zwei auf der Bank sitzende Silke Rottenberg gilt seit Jahren als weltbeste Schlussfrau. International hat Torwarttrainer Fuchs indes ein klares Defizit ausgemacht: “Sicherlich ist der Torwart bei den meisten Mannschaften der mit Abstand schlechtest geschulte Mannschaftsteil.”

Bei der WM fällt dies besonders ins Gewicht. Top-Torjägerinnen wie Birgit Prinz, Kelly Smith und Co. schießen zwar sicher noch ein deutliches Stück weniger scharf als männliche Brachialschützen wie Roberto Carlos. Der offizielle und als äußerst schnell geltende WM-Ball steht den Frauen bei der Ballbeschleunigung aber ähnlich hilfreich zur Seite wie schon im Vorjahr den Männern bei der WM in Deutschland. “Deshalb wird das Tor für uns Schlussleute gefühlt noch mal viel größer”, sagt die unglückliche Engländerin Brown. Ihre Mannschaftskollegin Kelly Smith sah das unterdessen ganz anders angesichts der Flut an vergebenen Torgelegenheiten der englischen Stürmerinnen. “Ob das Tor für die Torhüterinnen zu groß ist, interessiert mich herzlich wenig nach so einem Spiel wie heute”, sagte Smith. “Für uns da vorne wurde das Tor heute eigentlich von Torchance zu Torchance immer kleiner. Für mich könnte die Bude deshalb ruhig noch mal einen Meter größer und höher sein.”

Dieses Problem lässt sich indes, wie der Torereichtum der WM beweist, keineswegs auf die gesamte Frauenwelt übertragen. Kellys Smiths Sorge ist wohl eher als die schon von den Rooneys und Co. bei Turnieren leidlich bekannte “englische Krankheit” zu bezeichnen. Und diese Krankheit zeigt sich beim "englischen Patienten" in voller Ausprägung erst im Elfmeterschießen.


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