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Das ist schon ein anderes China

Zwischen Diven und Mannschaftsgeist


Shanghai. Am Samstagmorgen hat die in der noblen Herberge Hua Ting sorgsam von den schädlichen Umwelteinflüssen wie andauerndem Lärm, schwüler Hitze oder verpesteter Luft geschützte Reisegruppe deutscher Fußballfrauen endlich auch mal die berühmte Skyline von Shanghai gesehen. Am Ufer des Huang Pu, der die 20-Millionenmetropole in zwei Teile zerschneidet, bewunderten die Spielerinnen der deutschen Nationalmannschaft im Rahmen einer kurzen Sightseeing-Tour die berühmte, jedoch in einem unheilvollen Dunstgemisch aus Abgasen und schwüler Luft liegende Skyline.

“Das ist schon ein anderes China, als ich es von unseren früheren Besuchen in Provinzstädten her kenne”, sagte Bundestrainerin Silvia Neid. “Shanghai ist sehr modern, ganz anders als die Städte der Provinz, das wir kennen.” Positiv schlägt sich der Modernisierungsschub in der Boomtown Asiens beispielsweise auch in der Versorgungssituation der Spielerinnen nieder. Hatten vor dem Turnier nahezu sämtliche Spielerinnen in Fragebögen noch die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass das nötige Kampfgewicht wohl nur schwer zu halten sei angesichts des gewöhnungsbedürftigen chinesischen Essens, so trotten die Mädels nunmehr stets strahlend, keineswegs unterernährt, aber zugleich aufgrund ihrer sportlichen Vorbereitungen auch nicht übergewichtig aus dem Essenssaal – auch dank des eigens vom DFB engagierten Kochs, der eine zeitlang in Deutschland die wiederum für ihn damals wohl merkwürdigen Essensgewohnheiten studierte. “Wir haben hier alles, was wir uns wünschen, sogar Schwarzbrot”, sagt Sandra Minnert zufrieden, obwohl sie derzeit mit leichten Magenproblemen zu kämpfen hat. “Das ist aber viel besser als Hungergefühle zu haben.” Neben der Essenstafel scheint auch sonst alles in Shanghai gerichtet für ein großes Fest des Frauenfußballs, das eigentlich schon 2003 in China hätte stattfinden sollen, wegen der SARS-Epidemie aber kurzfristig in die USA verlegt werden musste.

Sogar Fifa-Präsident Sepp Blatter, nicht eben als ganz großer Freund des eben kommerziell noch nicht wirklich interessanten Frauenfußballs bekannt, erweist den Frauen beim Eröffnungsspiel die Ehre. Die Eingänge für die VIPs und die noch wichtigeren VVIPs sind ebenfalls ausgewiesen. Aber auch in spieltechnisch bedeutsameren Dingen hat die Funktionärswelt die Frauen auf ein Niveau mit den Männern gehievt: Erstmals in der Geschichte der Frauen-Weltmeisterschaften kicken die Spielerinnen mit einem eigenen Ball. Der offizille WM-Ball aus dem Vorjahr hat einen neuen Anstrich in den Farben Blau und rot erhalten und rollt seit Tagen unverkennbar über die Trainingsrasen. Bei soviel Erfolgen in der Gleichstellungspolitik ist es nur allzu verständlich, dass die Fifa wie bei der Männer-WM 2006 in Deutschland einem im Stadion ansässigen, mit dem offiziellen deutschen Fifa-Partner durchaus heftig konkurrierenden Sportartikler aus den Vereinigten Staaten den Verkauf seiner Trikots und Schuhe seit dem Sonntag verboten und das Geschäft mit mülltütengleichen Folien abgedeckt hat. Das alles unterstützt irgendwie die Hoffnung, dass die Emanzipation des Frauenfußballs durch die WM in China einen weiteren Schub erhält.

Die deutsche Mannschaft bereitet sich derweil mit großer Vorfreude auf das Auftaktspiel gegen Argentinien vor, auch wenn sie wegen des schlechten Zustands des Rasens im Shanghaier Hong-Kou-Stadion auf ein Abschlusstraining in der Kampfstätte verzichten mussten. “Es wird Zeit, dass es losgeht”, sagt Neuling Simone Laudehr, mit nur drei Länderspielen auf dem Konto die unerfahrenste Feldspielerin im Kader, zugleich aber aufgrund ihres überragenden Talents als zentrale Mittelfeldspielerin die große Hoffnung auf die ferne und vielleicht auch die ganz nahe Zukunft des deutschen Teams. Laudehr, die 2004 unter Leitung der damaligen Nachwuchs- und heutigen Bundestrainerin Neid U19-Weltmeisterschaft gewonnen hatte, erspielte sich in den acht Wochen der Vorbereitung einen Stammplatz und ist neben Melanie Behringer die einzige in der vermutlichen Startelf, die 2003 noch nicht zum Kader des Weltmeisters gehörte.

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Eben diese Tatsache ruft das große Fragezeichen hinter der Schlagkraft des deutschen Teams hervor. Sieben der elf Akteurinnen, die am Montag gegen die laut Neid “heißblütigen” Argentinierinnen ins Feld ziehen, trugen 2003 maßgeblich zum Titelgewinn bei, einige aus dieser “goldenen Generation” sind in den vier Zwischenjahren ins bedenkliche Alter einer Fußballerin jenseits der 30 gerutscht und haben in jüngster Zeit merklich Probleme mit der Gesundheit bekommen. Innenverteidigerin Sandra Minnert hat sich beispielsweise gerade noch rechtzeitig von einem schweren Knorpelschaden im Knie so weit erholt, dass sie noch den Sprung auf den WM-Zug schaffte. Dennoch muss sie vor jedem Training und jedem Spiel ein Schmerzmittel einnehmen, dass ihr einen beschwerdefreieren Einsatz ermöglicht. “Ich habe gelernt, mit den Schmerzen umzugehen, deshalb habe ich im Spiel kein Problem damit”, sagt Minnert. Schwerer scheint da schon der Fall Renate Lingor gelagert. Die Spielmacherin, 2006 noch Dritte bei der Wahl zur Weltfußballerin, hat eine ganz schlechte Saison 2006/07 hinter sich, in der sie immer wieder von kleinen Blessuren geplagt war. Auch in der WM-Vorbereitung musste Lingor einige Trainingseinheiten ausfallen lassen. In China gibt sie sich dennoch selbstbewusst und sagt, “dass ich mich genauso gut fühle wie 2003, dazu kann ich den Schalter in so einem Turnier umlegen”. Einige Mitspielerinnen sehen das wohl anders und mokieren sich hinter vorgehaltener Hand über divenhaftes Verhalten Lingors. Die 32 Jahre alte DFB-Angestellte kann diese Zweifler indes am Montag mit Leistung zum Verstummen bringen.

Im Auftaktspiel wird Silvia Neid, die um die Formschwankungen ihrer Nummer Zehn weiß, ihr auf jeden Fall das Vertrauen schenken. Der Gegner könnte Lingor wie auch ihren Teamkolleginnen unterdessen gute Möglichkeiten eröffnen, sich in den WM-Rhythmus zu spielen. Argentinien, vor vier Jahren schon einmal WM-Gegner der Deutschen beim 4:0-Vorrundensieg, ist zwar amtierender Südamerika-Meister und hat dabei das - allerdings ersatzgeschwächte Weltklasseteam von Brasilien - geschlagen. Darüber hinaus haben die Damen aus dem Land Diego Maradonas aber noch nicht so sehr auf sich aufmerksam gemacht. Silvia Neid bezeichnete die Argentinierinnen deswegen vor wenigen Wochen auch als schwächsten Gruppengegner. Seit Sonntag müssen sie zu allem Überfluss sogar noch auf Mariela Coronel, laut argentinischen Medien das Äquivalent zu Spielmacher Riquelme bei den argentinischen Männern, verzichten, die wegen einer Verletzung kurzfristig aus dem Kader gestrichen wurde. Trainer José Carlos Borrello hält das indes nicht von markigen Sprüchen ab: „Die Deutschen müssen sich auf ein schweres Spiel gefasst machen, wir werden sie mit allen Mitteln bekämpfen und sie schlagen“, sagte der 51 Jahre alte Coach. Silvia Neid antwortete auf die Provokation aus dem gegnerischen Lager mit der ihr eigenen weiblichen Gelassenheit: „Das freut uns, weil wir dann ebenfalls entsprechend aggressiv zu Werke gehen.“

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