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Übertraining

Ein Phänomen vorwiegend des Ausdauersports ist, aber auch gelegentlich im Kraftsport


Teilnehmer beim Deutschen Turnerfest Frankfurt 2009

Unter "Syndrom" versteht man einen "Symptomenkomplex", also einen Zustand, der durch ganz bestimmte, weitgehend gleiche Symptome gekennzeichnet ist, aber verschiedene Ursachen haben kann. Das trifft auch auf das Übertrainings-Syndrom zu, welches ein Phänomen vorwiegend des Ausdauersports ist, aber auch gelegentlich im Kraftsport vorkommt und anderen Stresszuständen wie z.B. bei beruflicher Überlastung oder bei Studenten vor großen Prüfungen usw. gleicht. In der Wissenschaft spricht man vom OTS (overtraining syndrome) und in letzter Zeit zunehmend vom UPS (underperformance syndrome).
 

Ursache des Übertrainingssyndrom

bzw. -zustandes ist eine für den Trainingszustand zu hohe Trainingsintensität und/oder ein zu hoher Trainingsumfang, sodass eine ausreichende Regneration zwischen den Trainingseinheiten nicht mehr gewährleistet ist und es zunächst zu einer Leistungsstagnation und schliesslich zum Leistungsabfall ("Leistungsknick") kommt. Oft spielen aber neben der zu hohen Trainingsanforderung auch noch zusätzliche Stressfaktoren (beruflicher oder privater Natur) eine Rolle. Das erklärt zum Teil die Tatsache, dass die "Anfälligkeit" für ein Übertrainingssyndrom individuell ist. Die Ursache dieser individuellen Disposition ist noch nicht geklärt.
 

Übertrainingssyndrom


Man unterscheidet ein sympathicotones ("basedowoides") von einem parasympathicotonen ("addisonoiden") Übertrainingssyndrom, wobei ersteres das "klassische" Bild zeigt und zweiteres aufgrund der Vagotoniesymptomatik oft nicht gleich als Übertrainingszustand  wird (kardiale Vagotonie)

Die typischen Hinweise auf ein sympathicotones Übertrainingssyndrom sind ein erhöhter Ruhepuls (= morgendliche Herzfrequenz unmittelbar nach dem Erwachen) und ein verzögerter Rückgang der HF nach Belastung. Auch der (systolische) Ruheblutdruck kann höher als sonst bzw. erhöht sein und analog zur HF kann die Normalisierung des Blutdrucks nach Belastung verzögert sein.
 

Weitere mögliche Symptome


- neben der verminderten Leistungsfähigkeit als "Hauptsymptom" - umfassen eine orthostatische Kreislaufdysregulation (beim Aufstehen oder im Stehen plötzliches "Schwarzwerden vor den Augen", Übelkeit, Schwindel bis hin zum Kollaps), eine erhöhte Infektanfälligkeit, Gewichtsverlust, Zyklusstörungen bis hin zur Amenorrhoe (Ausbleiben der Regelblutung), Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Appetitmangel, allgemeine Antriebslosigkeit, gesteigertes Trinkbedürfnis in der Nacht, Libidomangel, Muskel- und Gelenksschmerzen.

Im Blutserum ist - unabhängig von der vorangegangenen Trainingsbelastung - evtl. die Creatinkinase und Harnstoff erhöht. Auch der Plasmaspiegel gewisser Hormone (Katecholamine, Testosteron, Cortisol) kann verändert sein. Es gibt aber keine verlässlichen Laborwerte zur Feststellung eines Übertrainingssyndroms.
 

Es gab und gibt mehrere Hypothesen zur Erklärung des Übertrainingssyndroms.

Eine mögliche Ursache des Übertrainingssyndroms könnte ein Ungleichgewicht im Aminosäurestoffwechsel sein. Diese Hypothese geht von einer Verschiebung des Gleichgewichts der Plasmakonzentration zwischen verzweigtkettigen Aminosäuren (BCAAs) und freiem Tryptophan aus. Dies könnte zu einer erhöhten Konzentration an Tryptophan und 5-Hydroxytryptamin (besser bekannt als Serotonin) im Gehirn und in den peripheren Nervenzellen führen.

Die Ursache für dieses mögliche Aminosäuren-Ungleichgewicht könnte eine zu intensive Muskelarbeit mit erhöhtem Verbrauch an verzweigtkettigen Aminosäuren als Energiequelle sein bei gleichzeitiger Steigerung der freien Fettsäuren im Plasma durch zu umfangreiches extensives Ausdauertraining. Die Frage ist nur, ob diese Effekte, die eigentlich eher bei der akuten Ermüdungsreaktion der Muskulatur eine Rolle spielen, auch für das Übertrainingssyndrom (das sich ja längerfristig entwickelt) verantwortlich gemacht werden können, oder ob das beschriebene Aminosäuren-Ungleichgewicht auch andere Reaktionen bewirken kann.

Besagtes Serotonin spielt im Zentralnervensystem (ZNS) eine komplexe Rolle, seine physiologische Funktion umfasst drei Bereiche:
 

1. Wachheitsgrad, Schlaf, Stimmung:

Serotonin wirkt schlafanstoßend und stimmungsaufhellend.

2. Vegetative und endokrine (hormonelle) Funktion:

Im zentralen Nervensystem kommt Serotonin v.a. im Hypothalamus vor. Hier bewirkt es die Freisetzung von Faktoren, die die Abgabe der Hypophysenhormone regeln (Hypophyse = Hirnanhangdrüse). Beim Übertrainingssyndrom konnte ein Abfall des LH (= luteinisierendes Hormon) nachgewiesen werden. Beim Mann führt das zu einer verminderten Testosteronbildung und einem Absinken des Testosteronspiegels, bei der Frau zu einem gestörten Zykus bis hin zur Amenorrhoe. Ein Abfall der Serotoninkonzentration im Hypothalamus kann zu Esssucht führen, ein "Zuviel" könnte die Appetitlosigkeit beim Übertrainingszustand erklären.

3. Neuromotorische Erregbarkeit:

Absteigende serotonerge Neurone steigern die neuromotorische Erregbarkeit. Sie steigern dadurch die monosynaptische Reflexaktivität, während polysynaptische Reflexe, die bei komplexen muskulären Bewegungen (Sport!) beteiligt sind, abgeschwächt werden. Dies kann zur Verschlechterung der Leistungsfähigkeit im übertrainierten Zustand beitragen.

Ähnliche Auswirkungen wie im ZNS haben Tryptophan und Serotonin im peripheren bzw. vegetativen (autonomen) Nervensystem. Serotonin stimuliert den Sympathikus. So könnte man sich die erhöhte Herzfrequenz beim sympathikotonen Übertrainingszustand durch eine erhöhte Serotoninkonzentration in sympathischen Nervenfasern erklären. Weiters hemmt Serotonin die Freisetzung von Noradrenalin aus den sympathischen Nervenendigungen in Blutgefäßen, wodurch es zur Gefäßerweiterung und damit zu Durchblutungsveränderungen kommt, die bei einem Übertrainingssyndrom beobachtet werden können.

Die "Therapie" eines Übertrainingszustandes

besteht in einer Unterbrechung des Trainingsalltags und einer Reduktion von Trainingsumfang und Trainingsintensität. Die ersten Tage sollten der allgemeinen Regeneration dienen, die mittels Regenerationstraining (30 bis maximal 45-minütige extensive Kreislaufbelastung mit einer Intensität unterhalb der "trainingswirksamen Schwelle"), welches Herz-Kreislauf und Vegetativum "beruhigt" sowie muskulären Regenerationsmassnahmen (Sauna, Whirlpool, Schwimmen, Massagen, Gymnastik, dosiertes Stretching usw.) erreicht wird.

Anschließend kann wieder mit einem aufbauenden Ausdauertraining begonnen werden, zunächst
aber ausschließlich mit extensiven Dauereinheiten im Grundlagenausdauer 1-Bereich ("Fettstoffwechselbereich"). Im Kraftsport gilt eine analoge Vorgangsweise. Je nach Schweregrad des Übertrainingssyndrom sollte nach ein- bis zwei Wochen (es kann aber auch länger dauern) die Wiederaufnahme eines systematischen Trainingsprozesses möglich sein.




Autor: Dr. Kurt A. Moosburger

 

 

 

 

 

 

 

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