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Interview mit Marion Wagner:

Weltmeisterin in 4 X 100 m Sprint


fitness.com: Frau Wagner, sie hatten 2006 einen Bandscheibenvorfall – wie war das damals?


Marion Wagner: Ich hab sehr viel geweint. Also in dem Moment hab ich mir nur gedacht, ich war so wenig verletzt gewesen, muskulär habe ich nie etwas gehabt. Und dann kommt der Schlag mit dem Bandscheibenvorfall. Für mich ist erst mal meine kleine, heile Welt zusammengebrochen. Meine Eltern haben sehr viel abbekommen in der Zeit. Ich war da auch ein bisschen selbstgerecht in der Zeit. Mir konnte keiner was recht machen, ich war so unzufrieden.




fitness.com: Und dann sind sie operiert worden?




Marion Wagner: Ja. Irgendwann war es so schlimm, dass ich mich gar nicht mehr bewegen konnte. Ab dem Zeitpunkt, als ich operiert worden bin, ist dann auch die Lebensqualität wieder gestiegen. Endlich hatte ich keine Schmerzen mehr!




fitness.com: Und dann ging es langsam wieder bergauf. Wer oder was hat Ihnen dabei geholfen?




Marion Wagner: Mein Trainer und mein Physiotherapeut haben in der schweren Zeit zu mir gehalten. Ich denke, alleine denen bin ich es schuldig gewesen, dass ich mich da durchkämpfe, weil die an mich geglaubt haben. An Tagen, an denen ich selbst nicht mehr an mich geglaubt habe. An denen ich gedacht habe: so, das war's jetzt. Also ich denke schon, dass die beiden mich da schon wieder rausgezogen haben, aus dem Loch.




fitness.com: Hatten Sie in der Zeit mal ans Aufhören gedacht, immerhin haben Sie ja schon einige Erfolge als Leichtathletin feiern können?


Marion Wagner: Oh ja, und das nicht nur einmal. Auch heute noch denke ich manchmal, ich fahre jetzt nachhause und das war’s dann. Am nächsten Tag stehe ich dann doch immer wieder auf der Bahn. Und bin dann auch froh darüber.


fitness.com: Noch einmal zurück zu ihrer Operation. Wie schwer war der Weg zurück in den Leistungssport?


Marion Wagner: Ich musste nach dem Bandscheibenvorfall erst mal mit 2 Minuten Joggen am Tag anfangen. 2 Minuten Joggen am Tag! Das muss man sich mal vorstellen, was das bedeutet für jemanden, der sonst jeden Tag 3-4 Stunden Sport macht! Dann habe ich bis zum Abwinken Kräftigungsübungen gemacht und mache sie noch heute ständig. Bevor ich wieder mit dem Laufen anfangen konnte, musste ich Stabilisationsübungen machen. Bevor man an große Geräte geht, muss man sein eigenes Körpergewicht tragen können. Heute reichen mir zwanzig Minuten am Tag, um den Rücken stabil zu halten.

fitness.com: Hat sich seit ihrer Verletzung etwas verändert an ihrer Einstellung zum Sport?

Marion Wagner: Ich habe wieder bei Null angefangen und mich hoch gekämpft. Und deshalb bin ich mir sicher, dass ich durch die Verletzung mental stärker geworden bin, auch gelassener. Ich lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen.

fitness.com: Inwiefern hat sich durch den Bandscheibenvorfall Ihr Körpergefühl verändert?

Marion Wagner: Ich achte seit meiner OP mehr auf meinen Körper, auf meine Haltung, ich bin viel aufrechter als früher. Außerdem achte ich auf jeden kleinen Schmerz, der ja immer ein Signal sein könnte.

fitness.com: Sie arbeiten halbtags in einer Bank. Wie lässt sich das mit ihrem Training vereinbaren?

Marion Wagner: Ich habe zum Glück sehr nette Kollegen, die mir immer entgegen kommen, wenn ich zu Wettkämpfen muss oder besonders viel trainieren muss. Insgesamt habe ich schon einen 9-10 Stunden-Tag. Und bin abends immer ziemlich kaputt. Weggehen unter der Woche – das ist bei mir halt nicht drin. Aber daran habe ich mich über die Jahre gewöhnt und damit habe ich keine Probleme mehr.

fitness.com: Haben Sie einen Tipp für Rücken-gerechtes Arbeiten im Büro?

Marion Wagner: Ich habe einen speziellen Stuhl, den mir der Arzt verschrieben hat, der ist zwar ein bisschen wackelig, so ähnlich wie ein Gymnastik-Ball. Der hält mich immer in Bewegung, wobei ich natürlich aufpassen muss, dass die Bank-Kunden nicht denken: was wackelt die denn immer so komisch hin und her?

fitness.com: Worauf achten Sie bei Ihrer Ernährung besonders?

Marion Wagner: Darauf, dass ich viel trinke: Das ist noch viel wichtiger als das Essen. Ich esse so gut wie alles, viel Gemüse, wenig Fleisch, aber auch Gummibärchen und Schokolade für die Seele – in gewissem Rahmen muss das auch mal sein. Und wenn man sich sonst ausgewogen auch sicher kein Problem.

fitness.com: Ihr größter Erfolg war 2001 der Weltmeistertitel in Edmonton in Kanada mit der 4x100 Meter-Staffel. Zehren Sie noch heute davon?

Marion Wagner: Oh ja, das war großartig. Im Nachhinein geht das alles vorbei wie im Film. Es hat ja keiner mit uns gerechnet. Wir haben auch selbst nicht damit gerechnet, dass wir zweiter werden geschweige denn diese Zeit rennen können. Es hat an dem Tag alles gepasst, das war super.

fitness.com: Und bei den Olympischen Spielen in Peking soll das noch einmal gelingen, auch im Einzel?

Marion Wagner: Ich weiß, dass er in mir steckt - der perfekte Lauf. Ich habe noch kein optimales Einzel-Rennen gehabt und will das unbedingt mal schaffen. Ich weiß, dass das Potential da ist. Ich denke, dass wenn ich mich nicht verletzten sollte, dass es dann sicher ist, dass ich mitfahre nach Peking. Das Selbstverstrauen habe ich, um das sagen zu können. Ich durfte in Sydney starten, ich durfte in Athen starten, jetzt will ich zum Abschluss auch noch mal in Peking starten. Die Atmosphäre in so einem Olympiastadion ist halt einfach einzigartig.

fitness.com: Was ist für Sie das faszinierende an ihrem Sport?

Marion Wagner: Ich stehe manchmal am Start und denke: Oh Gott, ich kann jetzt keinen schnellen Schritt mehr machen. Und dann kommt der Startschuss und das Adrenalin, das durch einen durchschießt und dann sprintet man so schnell man kann - das ist ein ganz tolles Gefühl! Dann bekomme ich auch nix mit von meiner Umgebung, bin wie in Trance. Mein Trainer kriegt das immer mit und weiß dann, dass ich einen guten Tag habe. Wenn ich um mich herum alles mitbekomme, Leuten winke oder so etwas, dann habe ich meistens ein schlechtes Rennen.

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