
Eine gute Koordination zwischen Auge und Hand ist beim Rugby unverzichtbar (Foto: Miriam May für den Deutschen Rugby-Verband)
"Ein kleiner Dicker würde im Schulfußball ja immer als letzter gewählt werden, das ist beim Rugby nicht so", sagt Volker Himmer, Sportdirektor beim Deutschen Rugby-Verband (DRV). Denn bei dem Spiel, das in Deutschland erst langsam aus dem Schattendasein einer Randsportart heraustritt, braucht man ganz unterschiedliche Typen. "Kleine Dicke in der ersten Reihe, hochgewachsene Spieler in der Gasse und wendige, schnelle Spieler, die mit dem Ball an ihren Gegnern vorbeirennen können", erklärt Himmer.
Gasse? Erste Reihe? Für viele deutsche Sportfans sind diese Begriffe noch böhmische Dörfer. Denn während das Spiel mit dem Leder-Ei in vielen Ländern Zehntausende in die Stadien lockt und Millionen vor die Fernseher zieht, wird Rugby in Deutschland erst langsam populär.
15 statt 11 Freunde müssen es hier sein, der Rugby Ball ist nicht rund, sondern ein Ellipsoid, und das Spiel dauert 80 Minuten. Ziel ist es, den Ball durch die Abwehr der anderen Mannschaft hindurch zu bugsieren. Und dabei kann es beim Rugby ganz schön rundgehen. In einem Gedränge etwa werfen sich die Mannschaften zu einem Knäuel zusammen und versuchen, den Ball mit roher Kraft den Gegner wegzuschieben oder mit Geschick den Ball zu erobern. Geht der Rugby Ball ins Aus, bilden die Mannschaften eine "Gasse" - wer dann höher springt oder sich geschickt von seinen Mitspielern nach oben heben lässt, erobert den Ball.
Ein spannendes Spiel - und ein hartes Training

Rugby-Spieler müssen nicht nur Kraft haben, sondern auch schnell und wendig sein (Foto: Miriam May/DRV)
"Im Leistungsbereich ist heute Kraft enorm wichtig, bei den WM-Spielern etwa waren alle mindestens 1,90 m groß und rund 100 Kilo schwer", sagt Himmer, der selbst bis 1989 in der deutschen Nationalmannschaft gespielt hat und mit seinen 68 Kilo ein ganz anderer Spielertyp war. Der Traditionssport, Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, hat sich verändert, ist immer athletischer und kraftbetonter geworden. Fitness spielt eine immer größere Rolle.
Schnell, stark und wendig muss ein Spieler sein.
Doch auch wenn es manchmal nach einer Kollision von LKWs aussieht: Rugby erfordert neben Kraft auch Wendigkeit und Koordinationsfähigkeit. "Die Auge-Hand-Koordination ist extrem wichtig, genauso wie das räumliche Sehen", sagt Himmer. Rugby kombiniert schnelle Sprints mit zielsicheren Schüssen per Fuß und raffinierten Würfen per Hand, dadurch ist der Sport ein Training für den ganzen Körper.
Rugby gilt übrigens trotz derber Tacklings und deftigen Zusammenstößen als ausgesprochen fairer Sport. Fallenlassen und theatralisch mit schmerzverzerrtem Gesicht jammern - solche Shows sieht man auf dem Rugby-Platz nicht. Der Schiedsrichter ist unantastbar, diskutiert wird vielleicht auf den Rängen, aber nicht auf dem Platz.
Aber ein bisschen braucht man schon die passende Mentalität, um nicht nur Spaß am Zuschauen, sondern auch am Selberspielen zu haben. Wer kein Problem damit hat, 80 Minuten damit zu verbringen zu rennen, sich von muskelbepackten Gegnern umreißen zu lassen und dann im Schlamm liegend gleich mehrere Kontrahenten auf sich zu springen zu sehen - für den ist Rugby das richtige Spiel. Und er wird zwangsläufig die richtige Fitness erhalten.

