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Das Minnesota-Experiment (Teil 1) „Die Männer, die für die Wissenschaft hungerten”


Hunger ist eine Wahrnehmung, welche uns in der heutigen Zeit, in unserer Schlaraffenlandumgebung eigentlich nur wirklich bewusst wird, wenn wir sie gewollt herbeiführen. Den nagenden Hunger, der aufgrund einer Nahrungsmittelknappheit auftritt, kennen wohl die wenigsten. Ebenso die Mechanismen, welche in Körper und Psyche agieren, wenn so ein Fall eintritt.

Rückblende:

Europa und die Sowjetunion im 2. Weltkrieg. Leningrad (das heutige St. Petersburg) kann von den deutschen Besatzern nicht eingenommen werden, will aber ebenso wenig kapitulieren. Die Ausweichstrategie besteht aus einer ebenso grausamen, wie auch für die deutsche Führungsriege praktischen Entscheidung. Das systematische Abschneiden der Transportwege in die Stadt hinein, was zum Aushungern der Bevölkerung führen sollte. Dies war keine neue Taktik, war sie doch in vielen früheren Kriegen schon anzutreffen, aber in ihrem Ausmaß – ca. 2,5 Millionen Einwohner betreffend – bis dato unerreicht. Diese als Leningrad-Blockade in die Geschichtsbücher eingegangene Maßnahme sollte 872 Tage andauern:  vom 08. September 1941 bis zum 27. Januar 1944.

 In der Stadt waren die Lebensmittelvorräte beschränkt und in relativ kurzer Zeit trotz strenger Rationierung aufgebraucht. Das Wenige, was von außen durch die Blockadelinien gebracht werden konnte, reichte nicht einmal annähernd. Zeitweise fielen die Temperaturen auf bis zu -40°C, was die Situation noch weiter verschlimmerte. Aus einem normalen Leben wurde der tägliche Kampf ums Überleben, dem zuerst Zootiere, dann Haustiere und auch Wildtiere inklusive Ratten zum Opfer fielen.

Das Auskochen von Lederwaren und Plakaten, um die wenigen Nährstoffe aus Kleister und Gelatine zu ziehen, wurde genau so normal wie das stundenlange Anstehen mit Lebensmittelkarten, um vielleicht doch noch eine Kleinigkeit abzubekommen. Auch Kannibalismus wurde aktenkundig beschrieben. Sowohl das Essen von Leichenteilen Verstorbener, als auch das mutmaßliche Entführen und Töten von Erwachsenen und Kindern zum Zweck der Ernährung wurde praktiziert.

Im sogenannten Hungerwinter 1941/42 wurden ca. 1000 Fälle bekannt und mit dem Todesurteil geahndet. Die Dunkelziffer mag höher gelegen haben.1,2  Insgesamt gehen die heutigen Schätzungen von ca. 1 Million Menschen aus, welche in diesem Zeitraum aufgrund von Hunger verstarben.

Auswirkungen auf das zivile Leben:

Zu Beginn der Blockade wurde noch versucht, eine Normalität aufrecht zu erhalten wie wir sie kennen. Auch kulturelle Veranstaltungen hatten noch ihren Platz. Aber nach und nach änderte sich dies. Es starben immer mehr Menschen an Auszehrung, Infektionen, Unterkühlung. Der Tod wurde Normalität.

Auf den Straßen, in den Wohnungen, bis zu 1000 an einem Tag. Man hatte sich daran gewöhnt. Gar das Zusammenleben mit einem toten Angehörigen wurde hingenommen, wenn die Kraft fehlte die Leiche fortzuschaffen um sie zu beerdigen. Menschen, die auf der Straße zusammenbrachen, wurden liegengelassen. Soziale Gefüge zerbrachen und die zivile Ordnung verlor immer mehr an Gültigkeit. Wenn das nackte Überleben im Vordergrund steht, übernehmen in vielen Fällen die Instinkte und nicht die anerzogenen Umgangsweisen, die ein sozial funktionierendes Miteinander bedingen.

Der Gedanke eines Wissenschaftlers im Angesicht des Hungers:

Die Leningrad-Blockade war zwar ein absolut extremes Beispiel einer Hungerkatastrophe und ihrer Auswirkungen, aber im Verlauf des zweiten Weltkrieges nicht die Einzige. Insbesondere die USA befassten sich eingehender mit dem Thema, obwohl ihre Bürger nur mit relativ mäßigen Rationierungen umgehen mussten. Im Vordergrund stand die Überlegung, dass man mit hungernden Menschen keine funktionierende Demokratie aufbauen könne. Diese Bedenken waren also sowohl humanitärer, als auch politischer Natur, da man sich mit den antidemokratischen Gegner Faschismus und auch dem Kommunismus auseinandersetzen musste.

Dr. Ancel Keys, welcher sich in früheren Forschungsarbeiten mit der Soldatenernährung beschäftigte, sah im Welthungerproblem ein dankbares Forschungsfeld. Er war unter anderem an der Entwicklung der sogenannten „K Ration“ beteiligt, welche direkt als Notration für den Einsatz konzipiert wurde, und millionenfach über den großen Teich nach Europa geliefert wurde. Dafür erarbeitete er ein Konzept, um die physiologischen und psychologischen Auswirkungen des Hungers unter standardisierten Bedingungen aufzuzeichnen, um auf dieser Basis Strategien zur Sofortnothilfe – praktisch dem „Aufpäppeln“ Betroffener – zu erarbeiten. Dies wurde recht schnell genehmigt, und mit Forschungsgeldern aus verschiedenen Quellen ausgestattet. Es fehlten nur noch die Teilnehmer.

Ein Pool „menschlicher Meerschweinchen“

In den sehr patriotischen USA wurde es zum großen Teil als frevelhaft angesehen, den Dienst an der Waffe aus pazifistischen Gründen abzulehnen. Dennoch blieb ein gewisser Anteil dieser Menschen dieser Linie treu, und beantragten den Conscientious Objector-Status (ca. 0,2%). Ein Teil davon fiel durch die medizinische Untersuchung, ein anderer ließ sich zum noncombatant uniformed service des Militärs versetzen, welcher hauptsächlich den medizinischen Bereich abdeckte.

Die Zivilisten, welche den Kriegsdienst in seiner Gänze ablehnten, wurden in einer Organisation der Peace Churches (Friedenskirchen, z.B. Quäker, Brethren), des Civilian Public Service (CPO), für alternative Arbeiten eingeteilt.

So kritisch Kriegsdienstverweigerer zum damaligen Zeitpunkt auch angesehen wurden, ergab sich für die Wissenschaftler, die dem Militär nahestanden, doch aus dieser Menschengruppe ein sehr praktisches Ergebnis. Eine große Anzahl gesunder junger Männer, die zwar den Dienst an der Waffe ablehnten, aber dennoch gewillt waren, in anderer Form ihren Beitrag zu leisten, bedeutete auch eine große Menge potentieller kostenloser Probanden für Forschungszwecke.

Dementsprechend wurden in den Kriegsjahren mehrere Forschungsarbeiten für das Militär durchgeführt, die vorher nicht möglich waren. Das beinhaltete unter anderem die Ernährung (z.B. Vitaminmangelexperimente), exogene Faktoren (Hitze und Kälte) und Infektionskrankheiten (z.B. Malaria und Typhus).1

Mit der Zeit wurde aber auch hier Unmut breit, da die Probanden weniger den Sinn für die Menschheit sahen, sondern vorrangig das Militär profitierte. Ihr körperlicher Einsatz, welcher sich teilweise schon an den ethischen Grenzen der Medizin befand bzw. sie – nach heutigen Maßstäben - gar überschritt, stand also im Gegensatz zu ihrer Gesinnung. Dies war problematisch für Dr. Ancel Keys, da er spezifisch nach jungen Männern suchte, die zum einen die notwendigen körperlichen und psychischen Voraussetzungen für das geplante Experiment erfüllten und zum anderen den Durchhaltewillen zeigten, ein Jahr lang für den medizinischen Fortschritt zu leiden. Dafür musste er an ihre Ehre und ihr Mitgefühl appellieren. Zu diesem Zweck wurde eine 11seitige Broschüre entworfen, welche ein einprägsames Titelbild dreier französischer Kleinkinder vor leeren Tellern zeigte, komplettiert mit der Frage: „ Wirst du hungern, damit sie besser ernährt werden?“.3

Diese Aufforderung zeigte Erfolg. Je nach Quelle1,3 ist von 200-400 Bewerbungen interessierter Kandidaten die Rede, von denen er sich nach gründlicher Überprüfung 36 Männer auswählte. Am 19. November 1944 fanden sich alle Beteiligten im teilweise zum Labor umfunktionierten Footballstadion der University of Minnesota ein. Das später als „The Great Starvation Experiment“, oder kurz „Minnesota-Experiment“ bekannte Vorhaben sollte beginnen.


1. Todd Tucker: „The Great Starvation Experiment: The Heroic Men Who Starved So That Millions     Could Live“  Free Press 2006
2.“Als die Menschen Lehm und Ratten aßen“ Süddeutsche Zeitung 27. Januar 2014 http://www.sueddeutsche.de/politik/blockade-von-leningrad-im-zweiten-weltkrieg-als-die-menschen-leim-und-ratten-assen-1.1872865
http://www.madsciencemuseum.com/msm/pl/great_starvation_experiment
 
 
 
 

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