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Power Plate - was ist dran am passiven Training?


Fitnesstraining ist in erster Linie mit schweißtreibender Arbeit an den Geräten verbunden. Besonders die für den Muskelaufbau notwendigen intensiveren Gestaltungsformen des Krafttrainings ist anstrengend. Die Vorstellung, ans Gerät zu gehen und sich innerhalb von 30 Sekunden bis zum muskulären Versagen auszubelasten, lässt bei vielen den Traum vom muskelbepackten Body zerplatzen wie eine Seifenblase. Dazu kommt ein nicht unerheblicher Zeitaufwand. Eine konventionelle Kraftrrainingseinheit dauert aufgrund der Länge der Serienpausen mindestens 60 Minuten.

Wünschenswert ist also ein Trainingskonzept, welches nicht anstrengend ist, kaum Zeit beansprucht und dennoch zu den gewünschten Trainingseffekten (Aufbau von Muskelmasse, Fettabbau,...) führt. Passives Training steht hoch im Kurs und buhlt schon seit längerem in Form von EMS (Elektronische Muskelstimulation) um die Gunst des Käufers. Der aktuelle Trend setzt aber nicht auf Stromimpulse, sondern auf Vibrationen und heißt Power Plate.

Sehnenreflex- und Dehnreflextraining

Die als Fitness (R)evolution 21. Century bezeichnete Form des Gruppenfitnesstrainings will sich Reflexe trainingswirksam zu nutze machen. Die Teilnehmer stehen auf einer dreidimensional vibrierenden Platte und folgen den Anweisungen eines Instruktors. Die Frequenz der Richtungsänderungen liegt zwischen 30 und 50 Hertz. Ebenso lässt sich bei der Schwingungsweite zwischen zwei und vier Millimetern wählen. Durch Haltebänder, die an der Platte befestigt sind, können auch die oberen Extremitäten angesprochen werden.

Damit lässt sich der ganze Körper auf der Power Plate trainieren. Dies konnten Neugierige auf der diesjährigen FIBO in Essen am eigenen Leib ausprobieren. Wird die Power Plate eingeschaltet, fühlt sich das an wie ein Strom, der durch den Körper fährt. Durch die schnellen Richtungsänderungen werden in den Muskelzellen Reflexe ausgelöst, die eine Kontraktion (Zusammenziehen) der Muskelfasern bewirken.

Was sind Reflexe?

Skelettmuskeln können sowohl willkürlich als auch unbewusst gesteuert werden. Die vom Willen unabhängige Kontrolle geschieht über das Rückenmark und heißt Reflex. Ein Griff auf eine heiße Herdplatte lässt uns die Hand wegziehen noch bevor wir den Schmerz bewusst realisiert haben. Zu einem Reflexbogen gehören immer:

  • Messfühler (z.B. Schmerz, oder Dehnungsrezeptoren)
  • Leitung über die eine Information zum Rückenmark gesendet wird (Afferenz)
  • Leitung vom Rückenmark zum Muskel (Efferenz)
  • motorische Einheit.

Dort wird über eine motorische Endplatte, die wie ein Stecker fungiert, das Signal "Zusammenziehen" an die angeschlossenen Muskelfasern übertragen. Je höher das eingehende Signal durch den Messfühler ist, um so deutlicher fällt auch die motorische Antwort aus.

Neben dem oben beschriebenen Fremdreflex, bei dem Messfühler und Erfolgsorgan unterschiedlich lokalisiert sind, gibt es auch sogenannte Eigenreflexe. So verfügt der Bewegungsapparat über Rezeptoren, die das Nervensystem permanent über die Stellung des Organismus im Raum informieren. Diese Form der Sensorik nennt man Propriozeption.

Beim Training mit der Power Plate kommt ein ganz bestimmter Eigenreflex zum Tragen, nämlich der Dehnungsreflex. Im Muskel befinden sich Muskelspindeln mit der Funktion, Dehnungen zum zentralen Nervensystem (ZNS) zu melden. Wird ein Muskel gedehnt, wird die Muskelspindel gereizt und sendet dem Rückenmark diese Information über eine afferente Ia-Faser zu. Dort erfolgt eine Umschaltung auf ein dickes Alpha-Motoneuron, das die Botschaft "Wir sind zu lang, zieht Euch zusammen!" an die motorische Endplatte und damit zum Muskel übermittelt. Da diese Information nicht den Umweg nach oben über das Großhirn nimmt, wird sie auch nie bewusst wahrgenommen und die Bewegung wird unwillkürlich initiiert. So laufen permanent Informationen über den Zustand des Bewegungsapparates im Rückenmark ein und werden dort verarbeitet. Dies erlaubt es uns, quasi unbewusst unsere Haltung zu steuern.

Wird die Position des Körpers willkürlich oder durch äußere Einwirkung verändert, kommt es zu diesen posturalen (die Haltung betreffenden) Reflexen. Die Vibration auf der Power Plate veranlasst den Körper permanent, reflektorische Muskelkontraktionen auszulösen, um die Haltung zu stabilisieren. Dadurch ist tatsächlich die gesamte Körpermuskulatur angesprochen.

Trainingswirksamkeit der Power Plate

Dehnen und Kräftigen?

Die Frage, inwieweit die durch die Vibrationen ausgelösten Muskelkontraktionen das Training ergänzen oder unterstützen, muss diskutiert werden. In den bewerbenden Broschüren sind zahlreiche positive Effekte gelistet, die alle plausibel klingen. Erst bei genauerer und kritischer Betrachtung kommen einige Fragen auf. Es fällt auf, dass die Power Plate sowohl Dehn- als auch Kräftigungstraining unterstützt. Das ist sehr ungewöhnlich, weil das Auslösen des Dehnungsreflexes zu einer Kontraktion der Muskelzellen führt und somit das Gegenteil von dem bewirkt wird, was man eigentlich mit dem Dehnen beabsichtigt. Es wird zwar durch die Vibration die Durchblutung gesteigert, was grundsätzlich die Bewegungsreichweite erhöht, doch sollte darauf geachtet werden, dass die Kombination von Dehnungsreflex und Stretching nicht zu erhöhten Beanspruchungen der Muskulatur führen.

In Anlehnung an einschlägige sportwissenschaftliche Literatur scheint die Spannung an den Enden der Muskelzellen für den Muskelaufbau ausschlaggebend zu sein. Um einen überschwelligen Reiz zum Dickerwerden der Muskelzellen auszulösen, bedarf es einer hinreichend hohen Spannung, die entsprechend als anstrengend empfunden wird, ob mit Vibration oder ohne. Wer Resultate sehen will, der wird auch auf der Power Plate schwitzen müssen. Dass sich die Effizienz des Krafttrainings durch Vibration erhöhen lässt, ist naheliegend, aber noch nicht hinreichend wissenschaftlich belegt. Eine aktuelle Studie von Schlumberger et. al. von 2001 zeigt, dass Vibrationstraining dem konventionellen Krafttraining ebenbürtig ist, aber eben nicht besser und auch nicht effizienter. Ohne Fleiß kein Preis gilt auch hier. Was alles in allem gemacht wird, ist die Arbeit gegen die Schwerkraft zum Teil als isometrisches und zum Teil als konzentrisches Training, daran ändern auch die Vibrationen nichts. Dass es durch Haltungsreflexe allein zu krafttrainingstypischen Anpassungen kommt, ist nicht zu erwarten. Dafür reicht die Reizhöhe nicht aus. Falls dies tatsächlich so wäre, müsste auch jede Bewegung im Alltag (kraft)trainingswirksam sein, weil es auch dort permanent zu posturalen Reflexen kommt. Die Power Plate setzt auf die Kombination von größtenteils gehaltenen Übungen und Vibration. Im Rehabilitationssport wird Vibrationstraining schon länger angewandt mit durchaus beachtlichen Erfolgen.

Fettverbrennung und Energie

In der Fitnessbranche findet kaum ein Konzept Absatz, wenn es nicht auch verspricht, die Fettverbrennung anzukurbeln und die Pfunde purzeln zu lassen. Das darf auch bei der Power Plate nicht fehlen. Festzuhalten bleibt, dass über den Fettabbau die Energiebilanz entscheidet. Krafttraining vermag, wie jede andere körperliche Aktivität auch, den Energieverbrauch zu erhöhen und damit eine negative Energiebilanz zu begünstigen. Ein Plus an Muskelmasse geht auch mit einem höheren Energieverbrauch in Ruhe einher, was dem Fettabbau auf jeden Fall dienlich ist. Vibration bedarf es dafür allerdings nicht. Generell wird das Thema "Energie" in der Bewerbung der Power Plate sehr abenteuerlich gehandhabt. Durch Vibration soll Energie in den menschlichen Körper transferiert werden. Wo diese Energie herkommt und um welche Form der Energie im physikalischen Sinne es sich handelt, wird nicht verraten. Ebenso wenig geht hervor, was mit dieser Energie im Körper passiert. Spektakulär präsentiert sich auch die Rechnung mit der Gravitation. Die Richtungsänderungen geschehen mit dem maximal 3,2-fachen der Erdanziehungskraft. Bei einer achtzig Kilogramm schweren Person entspräche das einem theoretischen Zusatzgewicht von 176 Kilogramm, so die Entwickler. Solche mathematischen Spielereien wecken häufig falsche Vorstellungen und tragen nicht gerade zur Glaubwürdigkeit eines im Grunde nicht schlechten Konzepts bei.

Schmerzlinderung

Durch die Förderung des Austausches von Zellflüssigkeiten sollen Schmerzen gelindert werden. Die Ursachen und die Wahrnehmung von Schmerzen können zwar nicht auf Flüssigkeitsverschiebungen reduziert werden, doch gibt es eine aktuelle Studie, die auf eine Schmerzlinderung durch Vibrationstraining hindeutet (Rittweger et. al. 2002).

Flexibilität und Stretchingeffekte

Elastizitätsreserven werden angeblich durch die Lösung nicht näher spezifizierter Verklebungen in den passiven Strukturen des Gelenks freigegeben. In Studien aus der Beweglichkeitsforschung tauchen Verklebungen allerdings nicht als beweglichkeitsdeterminierend auf. Durchblutungsförderung und die dadurch bedingte Wärmesteigerung tragen allerdings tatsächlich zur Erhöhung der Bewegungsreichweite bei.

Kosmetik

Die vermeintlichen kosmetischen Effekte von Vibrationen auf den menschlichen Körper ist wissenschaftlich weitaus weniger untersucht als die Effekte auf die motorische Kontrolle oder die Wirksamkeit beim Krafttraining. Wenn behauptet wird, Fettzellen würden durch Vibration aufgebrochen, stellt dies eine Fehlinformation dar, denn die Freisetzung von Fettsäuren aus den Fettzellen geschieht permanent. Der Abbau von Cellulite ist durch Vibrationsmassagen ebenso unwahrscheinlich wie ein Aufbau von neuem Bindegwewebe oder ein natürliches Lifting.

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