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Buchrezension "Lexikon der Fitness-Irrtümer" von Pollmer / Warmuth / Frank


Der 400 Seiten dicke Brummer entspricht im Aussehen durchaus seinem ebenso beleibten Haupt-Verfasser: Udo Pollmer. Seit vielen Jahren kämpft ebenjener gegen gängige Mythen der Nahrungsmittel- und Fitness-Industrie. Für das vorliegende Buch hat er sich Verstärkung in Form der Diplom-Biologin Susanne Warmuth und des streitbaren Mediziners Dr. Gunter Frank geholt, die seine Thesen naturwissenschaftlich stützen sollen. Gerade Letzterer erinnert des Öfteren allerdings an einen Fanatiker, der seine (nicht falschen) Thesen rigoros durchsetzen will.  

Da ich selbst nur ein Mängelexemplar besitze und bei den meisten Buch-Versandhäusern maximal 8 Euro für den Titel verlangt werden, ist davon auszugehen, dass es wohl keine zahlreichen Neuauflagen durch den Eichborn-Verlag aus Frankfurt gab.

Lexikon der Fitness-Irrtümer: Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten

Bereits im Untertitel prangen die Bild-Zeitungs-würdigen Zeilen: "Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Aerobic bis Zerrung". Objektivität ist also nicht zu erwarten. Und dieser Eindruck bestätigt sich auch schon auf den ersten Seiten, die von verbalen Rundumschlägen gegen alle Arten von Medizinern, Trainern und Fitness-Gurus strotzen. Und das macht es einem fortgeschrittenen Leser schwer, sachlich an das Werk heranzugehen.

Die teilweise billige Polemik stellt die Kompetenz und Richtigkeit der aufgezeigten Thesen ernsthaft in Frage. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass ein Triumvirat aus dicklichem Journalisten, theoretisierender Biologin und zwanghaft rechthaberischem Arzt sich ihre Welt selbst so zurechtzubiegen, dass genau ihr Lebensstil der alleinige Weg ist.

"Lexikon der Fitness-Irrtümer" von Pollmer: Liebe Sportler, habt vor nichts Angst!

Doch wäre das zu einfach. Es ist ein großes Verdienst, dass die Grundaussage des Werkes darstellt: Liebe Sportler, habt vor nichts Angst! Weder vor Speckröllchen, noch vor Zucker, nicht vor Alkohol oder zu wenig Bewegung. Erleichtert lese ich davon in vielen Kapiteln, dass es in der Ernährung einfach keinen Sündenbock gibt: nicht das Nahrungsfett, auch nicht die Kohlenhydrate und erst recht nicht mangelnde Bewegung. Jedoch schlägt mir diese Kernaussage dann zu oft ins andere Extrem, denn nicht nur einmal wird klar: Laut den Verfassern ist es vollkommen gleichgültig, was man tut, isst, trinkt und denkt.

"Lexikon der Fitness-Irrtümer" Keine Ahnung vom Training

Und an diesem Punkt kommt das große Manko der drei hochstudierten Wissenschaftler zum Tragen: Sie sind Wissenschaftler. Von jahrelangem, disziplinierten und fokussiertem Training haben sie absolut keine Ahnung. In ihrer Funktion als geistige Arbeiter reflektieren sie die Erkenntnisse aus den Erfahrungen anderer, mehrheitlich aber aus Studien. Und dabei picken sie genau das heraus, was ihnen am besten passt. Sträflichst wird die Praxis vernachlässigt, nach der es sehr wohl einen Unterschied macht, ob ein ambitionierter Läufer nach 3 Stockwerken auf der Treppe frisch oben ankommt, oder ein 65-jähriger dabei einen Herzinfarkt riskiert. Die prophylaktischen Wirkungen von Muskel- und Ausdauertraining, sowie die reinigende Funktion eines aktiven Stoffwechsels werden schlicht ausgeblendet - entweder weil sie im Blickfeld der Autoren nicht erscheinen, oder weil sie ihr Buch fast komplett ad absurdum führen würden.

"Lexikon der Fitness-Irrtümer" Alleinstellungsmerkmal

Zweifelsohne erlangt das Werk damit ein Alleinstellungsmerkmal: das stetige Draufhauen auf konventionelle Ernährungswissenschaft befeuert all jene Leser in ihrer Meinung, die bisher auf der Suche nach plausiblen Ausflüchten für ihre Bewegungsfaulheit, selbstverschuldeten Krankheiten und ständigen Ernährungssünden waren. An dieser Stelle muss ich auch festhalten, dass man innerhalb der einzelnen Artikel, aus denen das Buch besteht, ein permanent überheblicher Grundton besteht: Wir liegen richtig, alle anderen machen es falsch. Das mag für gute Verkaufszahlen sorgen, doch aus dem sozialen Standpunkt gesehen ist das eine Katastrophe. Fanatismus pur. Man kann sich natürlich darüber streiten, ob ein Buch über Fitness den Anspruch haben muss, das Sozialleben zu verbessern.

Ein Lichtblick hingegen ist der Umgang mit Statistiken. Ein nicht unerheblicher Anteil des Buches besteht darin, fehlinterpretierte Statistiken der Institute und Universitäten unter die Lupe zu nehmen. Die Neubewertung von "Fakten" und Untersuchungsergebnissen leuchtet inhaltlich sehr oft ein und vermittelt mindestens ein Gefühl für Manipulierbarkeit derer. In der Interpretation von empirischen Daten (so sie praxisnah und objektiv erhoben wurden) liegt eine Stärke des Autoren-Kollektivs!

"Lexikon der Fitness-Irrtümer" Glaubhaftigkeit Quellen

Ebenso zur theoretisierten Seite des Buches zählt die Beobachtung, dass jeder noch so kleine Artikel des Buches mit zig Quellenangaben unterlegt ist. Ich darf hier natürlich nicht unterstellen, dass nur aus optischen Zwecken und zur Unterstützung der Glaubhaftigkeit Quellen hinzugefügt wurden, doch erscheint es mir so. Mal wieder kann ich mich des Eindrucks also nicht erwehren, dass mit Quantität Qualität vorgespiegelt werden muss. Diese Annahme wird zusätzlich dadurch unterstützt, dass gewisse Aussagen (vor allem zu Zivilisationskrankheiten und statistischer Relevanz) bis zur Ermüdung wiederholt werden. Das macht sie natürlich nicht falsch.

Was die Art und Weise betrifft, in kurzen Artikeln zu schreiben, so finde ich das sehr gelungen. Das Buch lädt damit dazu ein, einfach darin zu schmökern und genau die Sachen zu lesen, die einen gerade interessieren. Ohne große Vorkenntnisse lassen sich also schnell Informationen ziehen, oder man unterhält sich damit in kurzen Wartezeiten.

"Lexikon der Fitness-Irrtümer" Bleibt am Schluss die Frage, ob dieses Buch lesenswert ist.

Und die ist nicht leicht zu beantworten. Sportler, die aus Angst vor schlechter Leistung oder Krankheiten ein viel zu hohes Pensum trainieren profitieren von den beruhigenden Artikeln. Polemische Menschen werden neben dem sarkastisch-agressiven Unterton auch noch einiges zum Thema Manipulation von Studien erfahren. Ausgeglichene, sachlich-interessierte Leser hingegen stören sich sicher schnell am Schreibstil, sowie an den logischen Ungereimtheiten. Trainingsanfänger werden leider dadurch verwirrt, dass die Autoren zwar stundenlang darüber philosophieren, was alles falsch ist - eine echte Handlungsalternative haben sie jedoch auch nicht zu bieten. Vor allem sollten zu Bewegungsfaulheit, Schwäche und Übergewicht neigende Menschen dieses Buch nicht lesen, weil dessen Scheinlogik einleuchtende Entschuldigungen für einen gesundheitsschädlichen Lebensstil geradezu aufdrängen.

Zusammenfassend bleibt für mich das Fazit, dass das "Lexikon der Fitness-Irrtümer" ein nicht lesenswertes Buch ist. Es gibt deutlich sachlichere Konkurrenten, bei denen man ebensoviel lernen kann, ohne dass das Niveau dermaßen leidet.

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