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Vertrauter Fremder - unser Appetit


Erinnern Sie sich? Das letzte Mal, als sie richtig Lust auf eine Frucht hatten? Als sie Sie auf dem Verkaufstresen angelächelt und  zum sofortigen Reinbeißen verführte… Oder der Salat, der passgenau Ihren aktuellen Appetit stillte. Das Vollkornbrot, welches dieses unvergleichliche Kaugefühl erzeugt, welches man eben manchmal braucht um satt zu werden … Nein? Nur ein leises Klingeln aus grauer Vorzeit? Oder keimt der Verdacht in Ihnen auf, dass man sich diesen Genuss erst einreden muss?

„Iss mich!“?

Wie wär es mit dieser Vorstellung: Die Pralinenschachtel, die zwar verboten war, aber trotzdem schrie „Iss mich!“? Der Burger nachts um vier, zu dem einen die feiermüden Kameraden überredeten? Oder das Leberwursttoastbrot, welches ein so fieses schlechtes Gewissen zu erzeugen vermag … Schon eher? Hatten sie erst gestern? Dann willkommen im Club der Ernährungserzogenen.

Eins vorweg zur Beruhigung:

Sie können vermutlich auch all die als gesund propagierten Lebensmittel noch genießen - wenn es Ihrem aktuellen Appetit entspricht. Der Punkt, den ich mit diesem Artikel ansprechen möchte, ist ein anderer. Die Wahrnehmung unseres individuellen Essens und ihre Auswirkungen auf das Essverhalten. Uns wird oft und gerne an ganz verschiedenen Stellen erzählt, wie eine gesunde Ernährung auszusehen hat.

„Gut“ oder „böse“ ?

In einigen Fällen überschneiden sich die Empfehlungen, in anderen zeigen sie deutliche Unterschiede, was naturgegeben für Verwirrung sorgt.  Das Ergebnis sind dann mehr oder minder rigide Einteilungen von Lebensmitteln in „gut“ oder „böse“ (Äquivalent „erlaubt“ und  „verboten“). Eine logische Vorgehensweise, wenn man bedenkt, wer einen alles mit guten Ratschlägen bombardiert. Man denke an die diversen Medien, die Kollegin am Mittagstisch, besorgte Eltern und auch Ärzte, die mit bangem  Blick auf die Laborbefunde schauen.

Wehe man sündigt.

Diese Erziehung greift. Appetit auf Erlaubtes ist normal, und wird auch als solches kaum beachtet. Aber wehe man sündigt. Dann springt das gut trainierte Gewissen ein und verhagelt einem sehr effizient die Laune. Und wenn die Laune einmal dahin ist, ist der Weg zu weiteren Sünden viel zu kurz, um ihn  nicht zu nehmen. Ein Kreis, der sich nur sehr schwer durchbrechen lässt.

Wo liegt also das Problem?

In den Ratschlägen der Medizin und Ernährungswissenschaft? Den Medien und der darauf folgenden Informationsüberladung? Am sozialen Umfeld, welches ein gesellschaftskonformes Verhalten und Effizienz fordert? Oder in uns selber, unserer Verunsicherung, wie man mit all dem umzugehen hat? Vermutlich trägt  jedes dieser Beispiele sein Quäntchen dazu bei…und noch viele mehr. Ändern kann man daran aber nur eines … seine eigene Einstellung auf Vernunft und die Akzeptanz der eigenen Individualität.

Eigene  Bedürfnisse erkennen und  befriedigen

Dies soll kein Aufruf sein, ab jetzt alle guten Vorsätze und einen gesunden Lebensstil über Bord zu werfen. Das wäre mit dem Prinzip Vernunft auch nicht vereinbar. Aber es soll dazu anregen, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen. Die Mechanismen, die diese Bedürfnisse auslösen, und an ihnen zu arbeiten, um einen sorgenfreien Umgang mit der eigenen Ernährung zu ermöglichen. Denn Fakt ist: Essen ist notwendig. Also sollte man das Beste daraus machen. In vielerlei Hinsicht. 

Wie erkennt man also diese Mechanismen?

Der Hunger. Das Einfachste, denn ihn kennt jeder als das nagende Gefühl in der Bauchgegend. Er lässt sich ziemlich einfach stillen, indem man sich Nahrung zuführt. Ziemlich egal welche, was den enormen Erfolg diverser Fertigprodukte erklären könnte.


Der Appetit.

Da wird es schon schwerer. Das Verlangen auf etwas spezielles, ohne direktes Hungergefühl, erfordert nämlich Eigenanalyse. Und damit Zeit.

Alltag

Was durch den normalen Alltag i.d.R. erschwert wird. Ist es ein Getränk oder etwas zu essen? Ist es nur die Lust auf ein schon bekanntes Leibgericht, weil man weiß, dass es dieses am Abend geben wird? Oder möchte der Körper etwas noch nicht definiertes? Etwas, was einen bestimmten Geschmack haben sollte (süß, sauer, bitter, salzig oder umami [der spezielle Geschmack, der durch Glutamat hervorgerufen wird]).

Und was ist mit der Konsistenz (weich, cremig, fest, körnig, knusprig, klebrig, fleischig), der Temperatur (kalt, warm, wärmend – z.B. durch Scharfstoffe).  Sollten bestimmte Geschmacksrichtungen vorhanden sein (Schokolade, Vanille, Pfeffer, Anis, Kümmel, Pilzgeschmack…).  

Das ist der Anteil, der Übung erfordert. Und auch Umdenken. Wenn die Lust auf einen süß-cremig-warmen Vanillepudding besteht, geht sie nicht einfach weg, wenn man einen knackig-säuerlich-kalten Apfel isst. Und wenn ein Gemüsecurry lockt, ist die Schweinshaxe kein passender Ersatz (das war jetzt der Wink mit dem Zaunspfahl, der daran erinnern soll, dass es durchaus normal ist, dass man auch  automatisch Lust auf nährstoffreiche Dinge hat). Für jeden guten Ernährungserzogenen kann gerade die Akzeptanz des ersten Beispiels schon eine Heidenüberwindung sein.

 „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis machts, dass ein Gift kein Ding sei.“   

Dieses Zitat von Paracelsus ist zwar schon einige Jahrhunderte alt, aber immer noch aktuell, und gerade auf den Umgang mit Lebensmitteln wie maßgeschneidert. Vom reinen Zweckessen, welches nur wenige Lebensmittel enthält (sei es wegen der Positiv/Negativ-Liste, oder dem praktischen Aspekts des Einkaufens und Zubereitens), geht man beim Horchen auf den Willen des Körpers nach und nach zu einem anderen Umgang über.

Der Speiseplan füllt sich und  die Lust, neue Geschmacksrichtungen auszuprobieren, steigert sich.

Damit kann man nicht nur Bauch und Psyche zufriedenstellen, sondern auch den vernunftgepolten Kopf. Denn viele verschiedene Lebensmittel garantieren die Aufnahme aller benötigten Nährstoffe wesentlich besser, als eine eingeschränkte Ernährungsweise. Eine Win-Win-Situation, denn je mehr Freiräume und Möglichkeiten man sich dadurch schafft, desto seltener wird der Körper nach den verbotenen Dingen gieren. Und umso seltener wird uns negativ bewusst sein, dass dies ab und an mal der Fall sein kann. Wenn es uns von uns selbst  erlaubt ist.

Die unstoppbare Esslust.

Das härteste Thema. Vielen bekannt, aber selten wird sich dazu bekannt, weil es als Schwäche angesehen wird, sich nicht unter Kontrolle zu haben. Oft genug wird aber vergessen, dass es eben die Schwächen sind, die uns als Mensch ausmachen, nicht als Maschine. Niemand lebt ohne. Im einfachsten Fall liegt diese Art Umgang mit Essen in einer Kompensation diverser negativer Gefühle.

Sei  es Stress, Kummer, Langeweile.

Einfach heißt in diesem Fall nicht, dass man es schnell und simpel beheben kann, sondern nur, dass es bei Ehrlichkeit zu sich selbst herausfindbar ist, und damit eine Grundlage bietet, um daran zu arbeiten.  Andere Ursachen, die in der tieferen Psyche verwurzelt sind, können in der Regel nicht allein behoben werden. In allen Fällen ist es aber ratsam, sich fachlicher Hilfe zu bedienen, die es einem ermöglicht an einem problematischen, und auch zwanghaften Essverhalten zu arbeiten, wenn man es allein nicht schafft.

Das sollte nicht als Kapitulation verstanden werden, sondern als Beweis dafür, dass man sich selbst genug schätzt, um entgegen aller Vorurteile sein Leben zu verbessern.  Dies bedarf keiner Rechtfertigung und keiner Scham, denn jeder hat sein Recht auf ein angenehmes Leben.  Egal wie er es bewerkstelligt.

Fazit:

Jeder Mensch hat seine eigenen Gewohnheiten, Vorlieben, Aversionen und appetitgesteuerte Bedürfnisse, welche alle einen mehr oder weniger großen Anteil an der Lebensmittelauswahl haben. Ebenso hat der Durchschnittsmensch heute einen sehr ergiebigen Zugang zu allen möglichen Informationen, welche das Thema Ernährung und Gesundheit betreffen. Und Fakt ist: man kann beides niemals zu 100% vereinen. Was auch absolut in Ordnung ist, denn den Stein der Weisen – die absolut gesunde Ernährungsweise – hat bis jetzt noch niemand gefunden. Und das wird wohl auch niemals der Fall sein, da es zu viele Möglichkeiten gibt.

Aber für jeden Einzelnen gibt es den Mittelweg, der beide Ziele zu einem gewissen Teil vereinigt, und somit Gesundheit und Lebensqualität gleichermaßen bietet. Ein Mensch ist kein Auto, welches nur einen Kraftstoff braucht um zu funktionieren. Er ist ein instinkt-, gefühls-und gleichzeitig auch vernunftgesteuertes Wesen. Wer das akzeptiert, seinen körperlichen Bedürfnissen nachkommt, und seinen Lebensstil unter diesen Voraussetzungen, und mit möglichst wenigen Reglementierungen optimiert, hat diesen Mittelweg gefunden.
 

Anm. der Red.: Maria Cattus, die Autorin des Artikels möchte auch auf den Artikel hinweisen, der bei uns erschienen ist:  Diäten machen krank und dick!
 
 

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